Limerick

On a mule you find
two feet behind,
two feet you find before.
You stand behind
before you find,
what the two behind be for.

Zeichnung: Thomas Reichmann Zeichnung: Thomas Reichmann

Hochmut

Man denkt, die Esel wären dumm?

Nun allerdings, zwar sind sie stumm –

doch wenn gesenkten Haupts bescheiden

sie grau gebückt im Grase weiden,

 

nun ab und zu beim Kräuterkauen

wie träumend in die Landschaft schauen

und friedlich ihre Schwänze schwenken,

dann schweigen sie, um nachzudenken,

 

denn ihr geduldig sanftes Haupt

ist so viel weiser, als man glaubt,

und wird vom Menschen, der viel schwätzt,

gedankenlos geringgeschätzt,

 

wenn keineswegs als Kompliment

er einen andern Eseln nennt,

der, wenn er klug ist, stilleschweigt

und dem Vergleich sich würdig zeigt.

 

von Inge Rosemann

Norderney

Der Esel

Wird jemand Esel tituliert, so fühlt sich der gar sehr schimpfiert.
Doch wer das Grautier biblisch kennt, weiß: Esel ist ein Kompliment.

Der Esel half dem Christuskinde, damit Herodes es nicht finde.
Er trug es in das Land am Nil, mit seinen Eltern ins Exil.

Der Esel diente Gottes Sohn auch auf dem Wege der Passion.
Auf ihm ritt er in Davids Stadt, wo er für uns gelitten hat.

Der Esel hat den Herrn getragen, was könnte man denn Schönres sagen,
als dass in jenem Sinn auch wir, so wären wie das schlichte Tier.

Zwar schlägt er manchmal Kapriolen und bockt: ach bleibt mir doch gestohlen!
Doch meist, mit Demut in der Miene, verkörpert er das Wort: ich diene!

Ob uns das auch am Herzen liegt, was letzten Endes einzig wiegt:
Dass wir von Christi Dienst nicht weichen und damit einem Esel gleichen?

 

Aus der Gedichtesammlung von Wolfgang Walker

Der Fuchs und der Esel

Ein Fuchs, der einen Hahn zerrissen,
Blieb vor dem Leichnam stehn und sah ihn traurig an,
Ein Esel nahm es wahr: Dich reut, was du getan,
Mein Lieber, sprach er, dein Gewissen
Erwacht ein bisschen spät; doch besser spät als nie.
Freund, ächzte der Bandit, dein Mund hat wahr gesprochen.
Mich reuet meine Tat, denn ach! das Rabenvieh
Hat leider! nichts als Haut und Knochen

 

von Gottlieb Konrad Pfeffel

Der Esel

Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich sein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.
Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhasste Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Dass sich der Esel ärgern sollte.
Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

 

von Wilhelm Busch

englischer Kinderreim

If I had a donkey, and he wouldn't go,
Do you think I'd beat him? Oh, no, no!
I'd put him in a stable and give him some corn;
The best little donkey, that ever was born.

Mein Esel

Ich bat um Stärke, um ihn perfekt zu erziehen.

Ich wurde schwach und verwöhnte ihn mit Möhren und Leckerlis.

Ich wollte einen Esel, der folgsam war, so dass ich stolz sein könnte.

Ich bekam einen Dickkopf, der mich überall blamierte.

Ich wollte Gehorsam, um überlegen zu sein, ich bekam einen Clown, der mich zum Lachen brachte.

Ich hoffte auf einen Begleiter gegen meine Einsamkeit, ich bekam den besten Freund,

der mir all seine Liebe gab.

Ich bekam nichts, was ich wollte, aber alles was ich brauchte. Meinen Esel.

Die beiden Esel

Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:

"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"

Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.

 

von Christian Morgenstern

Etwas vom Esel.

Treff ich ein Grautier in der Stadt,
Sich stets noch dies bestätigt hat:
Wohlwollend sieht der kluge Mann
Und mit Humor den Esel an.
Ihn hänseln und zu höhnen pflegen
Nur Kinder und – die Herrn Kollegen.


Der Esel, der sich bescheiden hält,
Ist etwas, das dem Weisen nicht missfällt.
Entsetzlich lästig kann er aber werden,
Will er sich wichtig-feierlich gebärden.
Und leider finden sich an jedem Orte
Sehr viel der Esel just von dieser Sorte!

 

von Georg Bötticher